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„Eigentlich ist es uns selbst zu viel“

12. Okt.
5 Min. Lesezeit

Wenn Jugendliche ein Social-Media-Verbot fordern – und damit ein deutliches Signal an Erwachsene senden

Scrollen. Liken. Posten. Kommentieren.

TikTok, Instagram und YouTube gehören für viele Jugendliche heute ganz selbstverständlich zum Alltag.

Und ausgerechnet diejenigen, die mit diesen Plattformen aufwachsen, senden nun ein bemerkenswertes Signal:

Mehr als die Hälfte der befragten Jugendlichen spricht sich für ein Social-Media-Verbot aus.

Das berichtet HIT RADIO FFH unter Berufung auf den aktuellen Social-Media-Report der Techniker Krankenkasse. Befragt wurden 12- bis 17-Jährige aus Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland.

52 Prozent befürworten demnach ein Social-Media-Verbot.

Die meisten von ihnen wollen soziale Medien dabei nicht grundsätzlich verbannen. Sie wünschen sich vielmehr eine Altersgrenze. Im Durchschnitt nennen die Jugendlichen 14 Jahre als sinnvolles Mindestalter.

Sechs Prozent würden Social Media für Minderjährige sogar vollständig verbieten. Gleichzeitig lehnen 43 Prozent ein Verbot ab.


Diese Zahlen sind bemerkenswert.

Denn hier warnen nicht Erwachsene vor der digitalen Welt der Jugendlichen.

Die Jugendlichen selbst tun es.


Was steckt hinter dem Wunsch nach mehr Grenzen?

Die Befragung zeigt zunächst etwas Wichtiges:

Jugendliche betrachten Social Media keineswegs ausschließlich negativ.

Viele können den Netzwerken Positives abgewinnen.

Sie kommunizieren dort mit Freundinnen und Freunden, entdecken neue Interessen, informieren sich, lachen über Videos, hören Musik oder werden selbst kreativ.

Gleichzeitig erleben sie aber offenbar sehr deutlich die Schattenseiten ihrer digitalen Lebenswelt.

Und genau deshalb ist die Zahl von 52 Prozent so interessant:

Man kann Social Media mögen und sich trotzdem mehr Schutz davor wünschen.

Beides widerspricht sich nicht.


Drei Stunden und mehr – jeden Tag

Ein Drittel der befragten Jugendlichen nutzt soziale Medien laut FFH täglich mindestens drei Stunden oder länger.

Fast ebenso viele empfinden genau diese intensive Nutzung selbst als störend.

Das ist ein entscheidender Punkt.

Denn damit beschreiben Jugendliche ein Problem, das viele Erwachsene kennen:

Ich weiß eigentlich, dass es mir zu viel ist – und trotzdem mache ich weiter.

Genau darin liegt eine der großen Herausforderungen moderner sozialer Netzwerke.

Der nächste Clip wartet bereits.

Das nächste Video startet automatisch.

Der nächste Kommentar erscheint.

Die nächste Benachrichtigung kommt.

Und nach jedem Wischen wartet wieder etwas Neues.

Aus „nur noch fünf Minuten“ kann schnell eine halbe Stunde werden.


Werbung, Fake News und Mobbing: Das nervt Jugendliche wirklich

Die reine Bildschirmzeit ist allerdings nicht das Einzige, was junge Menschen belastet.

Laut FFH stört die Jugendlichen besonders die große Menge an Werbung.

Daneben nennen sie:

  • Fake News

  • Mobbing

  • Beleidigungen

  • unangemessene Bilder

  • unangemessene Videos

Damit zeigt die Befragung etwas, das in Diskussionen über Bildschirmzeit häufig verloren geht:

Es geht nicht nur darum, wie lange ein Kind online ist.

Mindestens genauso wichtig ist:

Was erlebt es während dieser Zeit?

Drei Stunden Kontakt mit Freunden sind etwas anderes als drei Stunden Doomscrolling.

Ein lustiges Video ist etwas anderes als eine Flut aus Körperidealen.

Ein Lernvideo ist etwas anderes als Cybermobbing.

Und Unterhaltung ist etwas anderes als ein Feed voller Desinformation, Gewalt oder sexualisierter Inhalte.


Wenn Jugendliche selbst merken: „Das tut mir nicht immer gut“

Besonders aufmerksam sollte ein weiteres Ergebnis machen.

Jugendliche, die besonders viel Zeit auf Social-Media-Plattformen verbringen, berichten laut FFH häufiger von:

  • schlechter Stimmung

  • Unsicherheit bei Entscheidungen

  • Unzufriedenheit mit sich selbst

  • Erschöpfung

Dabei ist eine wichtige wissenschaftliche Einschränkung notwendig:

Aus dieser Befragung lässt sich kein ursächlicher Zusammenhang ableiten.

Man kann also nicht einfach sagen:

„Social Media verursacht diese Probleme.“

Der Zusammenhang kann deutlich komplizierter sein.

Trotzdem sind solche Ergebnisse relevant – gerade weil sie zeigen, wie eng digitale Nutzung und das persönliche Wohlbefinden miteinander verbunden sein können.


Wenn Nutzung suchtähnliche Züge bekommt

Im FFH-Beitrag kommt auch der Psychologe und Neurowissenschaftler Christian Montag zu Wort.

Er warnt vor den Risiken einer suchtähnlichen Nutzung sozialer Medien. Diese könne unter anderem depressive Verstimmungen, Ängste, Schlaf- oder Essprobleme, selbstverletzendes Verhalten und Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper begünstigen.

Gleichzeitig betont der Beitrag ausdrücklich:

Das bedeutet nicht, dass Social Media grundsätzlich krank macht.

Diese Unterscheidung ist wichtig.

Nicht jedes Kind, das TikTok nutzt, entwickelt Probleme.

Nicht jeder Jugendliche mit mehreren Stunden Bildschirmzeit ist automatisch abhängig.

Aber wenn junge Menschen selbst sagen:

„Ich verbringe dort eigentlich zu viel Zeit.“

dann sollten Erwachsene diese Wahrnehmung ernst nehmen.


Medienkompetenz allein reicht möglicherweise nicht

Ein interessanter Gedanke des Berichts betrifft außerdem die Verantwortung der Plattformbetreiber.

Denn wir verlangen von Kindern und Jugendlichen häufig:

„Du musst eben lernen, vernünftig damit umzugehen.“

Das ist grundsätzlich richtig.

Aber es greift zu kurz.

Kinder sollen schließlich ihre Nutzung kontrollieren, während ihnen auf der anderen Seite hochentwickelte Empfehlungssysteme möglichst interessante Inhalte präsentieren und Plattformen darum konkurrieren, ihre Aufmerksamkeit zu halten.

Deshalb braucht es beides:

Medienkompetente Kinder – und digitale Räume, die Kinder nicht unnötig überfordern.


Eine Zahl, bei der Schulen besonders genau hinhören sollten

Vielleicht ist dies sogar eines der wichtigsten Ergebnisse des gesamten Berichts:

Jugendliche wünschen sich Hilfe.

Mehr als die Hälfte der Befragten wünscht sich laut FFH Lernvideos zu den Risiken sozialer Medien.

Fast jede bzw. jeder Zweite hätte gerne ausgebildete Ansprechpersonen an der eigenen Schule.

Gewünscht werden außerdem:

  • Workshops

  • mehr Gespräche mit Eltern

  • leicht erreichbare Hilfsangebote

Nur ungefähr jede bzw. jeder Zehnte sagt, überhaupt keine Unterstützung zu benötigen.

Das ist eine bemerkenswert klare Botschaft.

Jugendliche sagen damit sinngemäß:

„Wir wollen mit dieser digitalen Welt nicht alleine gelassen werden.“

Schule darf deshalb nicht erst reagieren, wenn etwas passiert

Medienprävention beginnt nicht erst nach einem Vorfall.

Nicht erst, wenn ein Nacktbild durch eine Klasse geschickt wurde.

Nicht erst nach Cybermobbing.

Nicht erst, wenn Gewaltvideos im Klassenchat auftauchen.

Nicht erst nach Cybergrooming.

Und nicht erst, wenn ein Kind psychisch unter seinem Social-Media-Konsum leidet.

Schule muss Kindern früh Räume geben, in denen sie über ihre digitale Lebenswelt sprechen können.

Ohne Angst.

Ohne sofortige Verurteilung.

Und vor allem mit Erwachsenen, die verstehen, worüber Kinder überhaupt sprechen.


Was Eltern aus der Befragung mitnehmen sollten

Vielleicht sollten wir aufhören, immer nur zu fragen:

„Wie bekomme ich mein Kind vom Handy weg?“

Und stattdessen häufiger fragen:

„Was hält mein Kind eigentlich am Handy fest?“

Das ist ein großer Unterschied.

Eltern können beispielsweise fragen:

„Gibt es eine App, bei der du manchmal länger hängen bleibst, als du eigentlich möchtest?“
„Was nervt dich selbst an Social Media?“
„Gibt es Inhalte, die dir immer wieder vorgeschlagen werden, obwohl du sie gar nicht sehen möchtest?“
„Hast du schon einmal etwas gesehen, das dich danach noch länger beschäftigt hat?“
„Was müsste sich an TikTok oder Instagram ändern, damit es für dich besser wäre?“

Solche Fragen machen Kinder nicht zu Verdächtigen.

Sie machen ihre digitale Lebenswelt zum Gesprächsthema.


Mini-Checkliste für Familien

  • regelmäßig über Social Media sprechen

  • gemeinsam realistische Nutzungszeiten vereinbaren

  • handyfreie Zeiten und Orte schaffen

  • über Algorithmen und endloses Scrollen sprechen

  • Werbung und Influencer-Marketing erklären

  • Fake News gemeinsam überprüfen

  • Cybermobbing und problematische Inhalte offen thematisieren

  • nachts möglichst smartphonefreie Routinen schaffen

  • das eigene Smartphone-Verhalten als Erwachsene hinterfragen

  • niemals vermitteln: „Wenn du online einen Fehler machst, bekommst du Ärger“

  • stattdessen deutlich machen: „Wenn online etwas passiert, kannst du immer zu mir kommen.“


Fazit: Vielleicht sollten wir Jugendlichen einfach einmal zuhören

52 Prozent.

Diese Zahl ist interessant.

Aber vielleicht ist die viel wichtigere Erkenntnis:

Jugendliche erkennen die Probleme ihrer digitalen Lebenswelt selbst.

Sie sehen Werbung.

Sie erleben Fake News.

Sie beobachten Mobbing.

Sie begegnen unangemessenen Inhalten.

Und manche merken selbst, dass sie länger scrollen, als sie eigentlich möchten.

Gleichzeitig wünschen sich viele Unterstützung durch Eltern, Schule und Plattformen.

Die Diskussion sollte deshalb nicht nur lauten:

„Dürfen Kinder Social Media nutzen?“

Wir sollten genauso fragen:

„Wie schaffen wir eine digitale Welt, in der Kinder Social Media nutzen können, ohne mit den Risiken allein gelassen zu werden?“

Denn Medienkompetenz bedeutet nicht, einem Kind ein Smartphone in die Hand zu drücken und darauf zu hoffen, dass es schon irgendwie lernen wird, damit umzugehen.

Medienkompetenz bedeutet:

begleiten, erklären, Grenzen setzen, Vertrauen schaffen – und zuhören.

Vielleicht sollten wir genau damit anfangen.

Denn in dieser Studie sagen uns Jugendliche ziemlich deutlich, dass sie diese Unterstützung wollen.


Quelle

Grundlage dieses Beitrags ist der am 6. Oktober 2026 veröffentlichte Artikel von HIT RADIO FFH: „Jugendliche in Hessen – Jeder Zweite will Social-Media-Verbot“. Der Bericht bezieht sich auf den Social-Media-Report der Techniker Krankenkasse und eine Befragung von Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren aus Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland.




 
 
 

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