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„Zahnstocher im Unterricht“ und andere TikTok-Challenges: Wenn vermeintlich harmlose Trends im Schulalltag gefährlich werden

  • 19. Dez. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

In den vergangenen Wochen sorgt ein neues Phänomen an Schulen für Aufmerksamkeit: Schülerinnen und Schüler sitzen im Unterricht mit einem Zahnstocher im Mundwinkel, inszeniert wie ein lässiger Westernheld. So harmlos wie es auf TikTok wirkt, ist es nicht. Dieser Trend ist ein Beispiel für eine größere Entwicklung: virale Social-Media-Challenges, die sich blitzschnell verbreiten, in den Schulalltag eindringen und im schlimmsten Fall Gesundheit und Sicherheit von Kindern und Jugendlichen gefährden können.




Wie dieser Trend entsteht und warum er Schule macht

Auf Plattformen wie TikTok und Instagram verbreiten sich Trends extrem schnell. Ein Clip erzeugt Aufmerksamkeit, Likes und Kommentare

und innerhalb weniger Stunden kennt ein großer Teil der jungen Nutzerschaft die entsprechende Aktion. Im Fall des Zahnstocher-Trends wurden solche Bilder oft als „cooles Accessoire“ dargestellt, teils von bekannten Personen, und schnell nachgeahmt.


Doch was viele nicht auf dem Schirm haben: Rund um diese harmlose Darstellung gibt es Produkte, die gesundheitlich problematisch sind. Dazu gehören sogenannte Nikotinzahnstocher, kleine Stäbchen, die beim Lutschen Nikotin freisetzen sollen und eigentlich als Rauchstopp-Hilfsmittel gelten. Ein einzelner solcher Zahnstocher kann mehrere Milligramm Nikotin enthalten, teils sogar deutlich mehr als eine Zigarette.


Für Lehrkräfte und Schulen bedeutet das ein echtes Kontrollproblem: Die gezuckerten oder aromatisierten Holzteile sehen normalen Zahnstochern zum Verwechseln ähnlich, lassen sich im Schulalltag kaum unterscheiden und können von außen nicht sicher erkannt werden.


Die Reaktion an einzelnen Schulen war deutlich: So hat eine Realschule in München das Mitbringen von Zahnstochern generell verboten, nachdem Lehrkräfte vermehrt Schülerinnen und Schüler damit im Unterricht sahen. Die Leitidee war klar: Gesundheitsschutz und Prävention stehen an erster Stelle.


Challenges sind mehr als nur Spielereien

Der Zahnstocher-Trend mag harmlos aussehen, steht aber in einer Reihe mit deutlich gefährlicheren Social-Media-Challenges, die Schülerinnen und Schüler in den letzten Jahren beschäftigt haben:


  • Spiele, bei denen Toiletten angezündet oder Vandalismus begangen wurde, haben Schäden in fünfstelliger Höhe verursacht.

  • Bereits in früheren Jahren gab es Challenges wie „Devious Licks“, bei denen Schülerinnen und Schüler Gegenstände aus Schulen stahlen oder zerstörten.

  • Weltweit wurden Eltern und Schulen davor gewarnt, dass Jugendliche Geräte wie gelieferte Notebooks absichtlich beschädigen oder sogar PCs durch das Einführen von metallischen Objekten in Anschlüsse funken oder Feuer verursachen – Trends, die direkt zu physischen Gefahren führten.


Solche viralen Aktionen folgen meist einem Muster: Durch Likes, Kommentare und schnelle Nachahmung werden Herausforderungen als Mutproben inszeniert, in denen es darum geht, Anerkennung zu erlangen oder einen „coolen“ Moment zu teilen. Innerhalb der Peer-Gruppe wird das Verhalten dann oft als normal oder lustig bewertet, ganz gleich, welche Risiken damit verbunden sind.


Warum Challenges unter Jugendlichen so gefährlich sind

1. Soziale Bestätigung und Gruppenwirkung

Jugendliche orientieren sich stark an Gleichaltrigen. Wenn ein Trend viele Likes bekommt, entsteht sozialer Druck, mitzumachen. Der Wunsch nach Anerkennung verstärkt risikoreiches Verhalten und reduziert die Wahrnehmung von Gefahren.


2. Algorithmische Verstärkung

Plattformen wie TikTok nutzen Algorithmen, die Inhalte zeigen, die starkes Engagement erzeugen. Das bedeutet: Je mehr ein Trend geteilt oder kommentiert wird, desto mehr erscheint er im „Für Dich“-Feed, unabhängig von seiner Gefährlichkeit.


3. Subtile Verführung durch Ästhetik und Humor

Viele Challenges werden als witzige, kreative oder stylische Aktion dargestellt. Dadurch verschwimmt die Grenze zwischen Spiel und Risiko. Insbesondere jüngere Kinder erkennen oft nicht, dass hinter einem harmlosen Clip eine reale Gefahr stecken kann.


4. Fehlende Reflexion über Konsequenzen

Trends werden meist ohne Kontext wiedergegeben. Risiken, körperliche Folgen oder rechtliche Konsequenzen – etwa bei Sachbeschädigung oder Missbrauch von Notrufen – werden selten thematisiert, obwohl sie real sind.


Woran wir als Eltern, Lehrkräfte und Erziehende erkennen können, dass ein Trend gefährlich wird

Es gibt bestimmte Warnsignale, die darauf hindeuten, dass ein viraler Trend mehr ist als ein harmloses Spiel:

  • Der Trend fordert zur Nachahmung heraus („Mach mit und nominiere deinen Freund“).

  • Er beinhaltet physische Aktionen, auch wenn sie äußerlich harmlos aussehen.

  • Er wird mit provokativen Aussagen oder Musik verstärkt, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.

  • Schüler*innen sprechen darüber, ohne die eigenen Eltern einzubeziehen.

  • Lehrkräfte beobachten die Aktionen im Unterricht oder Pausen.


Wenn Kinder oder Jugendliche beginnen, Verhaltensweisen aus solchen Trends zu kopieren, lohnt es sich, gezielt nachzufragen, warum sie das machen und wie sie sich dabei fühlen.


Was wir Eltern, Lehrkräfte und Erziehende jetzt konkret tun müssen

Virale Challenges lassen sich nicht einfach verbieten oder ignorieren. Sie wirken, weil sie soziale Dynamiken nutzen, die für Kinder und Jugendliche extrem relevant sind: Zugehörigkeit, Anerkennung, Mutproben, Sichtbarkeit. Genau deshalb braucht es klare, alltagstaugliche Maßnahmen, nicht nur Appelle.


1. Sofort handeln, wenn ein Trend sichtbar wird – nicht erst reagieren, wenn etwas passiert


Sobald wir mitbekommen, dass ein Trend an der Schule, im Klassenchat oder im Freundeskreis auftaucht, sollten wir ihn aktiv ansprechen. Nicht abwarten, ob „das wieder vorbeigeht“.

Konkret heißt das:

  • Eltern sprechen ihr Kind am selben oder nächsten Tag darauf an

  • Lehrkräfte thematisieren den Trend kurz im Unterricht oder Klassenrat

  • Schulleitungen informieren Kollegium und Eltern zeitnah

Ein kurzer, sachlicher Hinweis wirkt oft stärker als spätere Sanktionen.


2. Klare Botschaft vermitteln: Nicht alles, was harmlos aussieht, ist ungefährlich


Kinder brauchen eine eindeutige Einordnung. Keine Ironie, kein Relativieren.

Hilfreiche, klare Sätze sind zum Beispiel:

  • „Ein Trend ist nicht harmlos, nur weil er lustig aussieht.“

  • „Wenn etwas im Unterricht auftaucht, hat es Konsequenzen – auch wenn es online als Spaß dargestellt wird.“

  • „Gesundheit und Sicherheit gehen vor Likes.“

Diese Klarheit schützt mehr als lange Diskussionen.


3. Ganz konkret erklären, wo die Gefahr liegt


Beim Zahnstocher-Trend reicht es nicht zu sagen „Das ist verboten“. Kinder müssen verstehen, was genau riskant ist.

Konkret ansprechen:

  • Verletzungsgefahr im Mund oder Rachen

  • Verschlucken oder Abbrechen des Zahnstochers

  • mögliche Nutzung von nikotinhaltigen Produkten

  • gesundheitliche Risiken durch Nikotin

  • Unterscheidbarkeit im Schulalltag ist nicht möglich

Je konkreter die Erklärung, desto weniger attraktiv wird der Trend.


4. Eindeutige schulische Regeln festlegen und transparent kommunizieren


Wenn ein Trend im Unterricht auftaucht, braucht es klare Regeln, keine Grauzonen.

Zum Beispiel:

  • Zahnstochern oder ähnlichen Gegenständen im Unterricht wird nicht zugestimmt

  • Mitgebrachte Gegenstände werden eingesammelt

  • Wiederholtes Mitbringen führt zu klar definierten Konsequenzen

  • Eltern werden informiert, nicht erst bei Eskalation

Wichtig ist: Regeln müssen vorher bekannt sein, nicht erst nachträglich.


5. Mit Kindern konkret üben, wie sie Nein sagen können


Viele Kinder machen bei Challenges mit, weil sie nicht wissen, wie sie sich entziehen können, ohne ihr Gesicht zu verlieren.

Das kann man trainieren.

Beispielsätze, die Eltern mit ihren Kindern üben können:

  • „Nee, das ist mir zu dumm.“

  • „Hab keinen Bock auf Stress in der Schule.“

  • „Ich mach sowas nicht für TikTok.“

  • „Das ist es mir nicht wert.“

Solche Sätze geben Handlungssicherheit im Moment selbst.


6. Klassenchats und Gruppendynamiken ernst nehmen


Viele Challenges entstehen nicht öffentlich, sondern in Klassen- oder Freundesgruppen.

Konkret heißt das:

  • Eltern fragen regelmäßig, was in Klassenchats geteilt wird

  • Kinder wissen, dass sie problematische Inhalte zeigen dürfen

  • Lehrkräfte sprechen offen über Gruppendruck

  • Schulen sensibilisieren für das Weiterleiten von Trends


7. Nicht nur verbieten – Alternativen und Anerkennung schaffen


Challenges funktionieren, weil sie Aufmerksamkeit bringen. Wenn Kinder Anerkennung nur dort erleben, wird es schwierig.

Deshalb konkret:

  • Engagement, Mut und Eigenständigkeit im echten Leben sichtbar machen

  • Kindern Verantwortung geben, z. B. Klassendienste, Projekte, AGs

  • Leistungen und positives Verhalten benennen, nicht nur Fehlverhalten

Wer gesehen wird, muss weniger provozieren.


8. Eltern und Schule müssen an einem Strang ziehen


Ein Trend lässt sich nicht von einer Seite allein stoppen.

Konkret heißt das:

  • Eltern informieren die Schule, wenn sie etwas beobachten

  • Schulen informieren Eltern offen über neue Trends

  • Gemeinsame Haltung statt Einzelaktionen

  • Keine Schuldzuweisungen, sondern Kooperation

Kinder merken sehr schnell, ob Erwachsene zusammenarbeiten oder gegeneinander.


Fazit

Der Zahnstocher-Trend zeigt exemplarisch, wie schnell vermeintlich harmlose TikTok-Challenges in den Schulalltag einsickern können. Was online als lustiger Clip erscheint, kann im echten Leben Risiken bergen – gesundheitlich, sozial und schulisch.

Wirksam ist nicht Panik. Wirksam ist frühes Ansprechen, klare Regeln, konkrete Erklärungen und echte Begleitung.

Wenn Kinder wissen, dass Erwachsene hinschauen, Grenzen benennen und sie nicht allein lassen,

verlieren gefährliche Trends ihren Reiz.

 
 
 

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