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„Cat in the Hat“ – wenn aus einem TikTok-Gruseltrend plötzlich echte Angst wird

vor 20 Stunden
6 Min. Lesezeit

Eine Horrorfigur taucht plötzlich in der eigenen Stadt auf – und nennt reale Kinder beim Namen

Eine unheimliche Katzengestalt steht nachts auf einer Straße. Auf einem anderen Bild scheint sie vor einem Haus zu lauern. Dann taucht sie angeblich in der nächsten Stadt auf. Unter dem Video steht eine Warnung: Die Katze sei unterwegs – und als Nächstes werde sie an einem ganz bestimmten Ort auftauchen.

Auf TikTok, Snapchat und anderen sozialen Netzwerken verbreitet sich 2026 ein verstörender Trend rund um eine Horrorversion der bekannten Figur „The Cat in the Hat“ von Dr. Seuss.

Was zunächst wie eine weitere digitale Gruselgeschichte wirkt, hat inzwischen eine deutlich problematischere Dimension angenommen. Denn einige Accounts nennen nicht mehr nur Städte oder Schulen.

Sie nennen reale Kinder und Jugendliche.

Eine Horrorfigur „wandert“ von Stadt zu Stadt

Das Prinzip der Videos ist erstaunlich einfach. Zu sehen ist eine düstere Version der bekannten Katzenfigur. Teilweise handelt es sich um KI-generierte oder manipulierte Bilder und Videos, teilweise werden auch Menschen in entsprechenden Kostümen gefilmt. Die Figur steht vor Häusern, Schulen, auf Straßen oder scheint nachts durch Wohngebiete zu laufen.

Anschließend wird behauptet: Die Katze kommt als Nächstes in deine Stadt.

Genau diese Lokalisierung macht den Trend für Kinder besonders wirkungsvoll. Eine erfundene Horrorfigur befindet sich plötzlich nicht mehr irgendwo im Internet. Sie ist angeblich in der eigenen Region, an der eigenen Schule oder vielleicht sogar in der eigenen Straße.

US-amerikanische Schulen und Polizeibehörden haben inzwischen vor entsprechenden Posts gewarnt. Dabei wurden konkrete Gemeinden und Schulen genannt und der Eindruck vermittelt, die Figur sei auf dem Weg zu einem bestimmten Ort.

Wenn plötzlich der eigene Name im Video steht

Noch problematischer wird es, wenn aus einer allgemeinen Gruselgeschichte eine persönliche Bedrohung wird.

In verschiedenen Varianten des Trends wurden Namen tatsächlicher Schüler*innen veröffentlicht. Einige Accounts erstellen entsprechende Posts oder Listen und verbinden die Namen mit der Behauptung, die Figur werde sich diese Personen als Nächstes „holen“ oder sei auf dem Weg zu ihnen.

Für ein Kind verändert das die Situation vollkommen.

Es sieht nicht mehr irgendeine erfundene Horrorgeschichte. Es sieht möglicherweise seinen eigenen Namen, seine Schule, seine Stadt oder sogar sein eigenes Profilbild.

Teilweise werden die tatsächlichen Social-Media-Accounts der betroffenen Kinder verlinkt oder Bilder verwendet. Damit bekommt eine eigentlich fiktive Geschichte plötzlich einen sehr realen Bezug.

Und genau dadurch kann aus einem vermeintlichen Internetwitz echte Angst entstehen.

Nachahmeraccounts machen aus einem Internettrend einen Schulhoftrend

Ein besonderes Problem besteht darin, wie einfach sich solche Inhalte nachahmen lassen.

Jugendliche sehen einen entsprechenden Account und kommen auf die Idee, eine eigene Version zu erstellen. Die Horrorfigur wird dann beispielsweise in die eigene Stadt „versetzt“, eine Schule wird genannt und anschließend werden Namen von Freundinnen oder Mitschülerinnen eingebaut.

Der Gedanke dahinter kann zunächst banal sein:

„Ich erschrecke damit meine Freunde.“

Doch für die betroffene Person kann die Situation vollkommen anders wirken. Gerade bei anonymen Accounts weiß das Kind möglicherweise überhaupt nicht, wer dahintersteckt. Es kann nicht einschätzen, ob es sich tatsächlich nur um einen schlechten Scherz handelt.

Spätestens wenn reale Namen, Fotos, Schulen oder Accounts eingebunden werden, ist die Grenze zwischen einer Internet-Gruselgeschichte und gezielter Einschüchterung realer Menschen überschritten.

Ein Gruseltrend wird zum Datenschutzproblem

Hinzu kommt eine Ebene, die bei solchen Trends leicht übersehen wird: Datenschutz und Privatsphäre.

Ein einzelner Vorname erscheint zunächst vielleicht harmlos. Problematisch wird es, wenn mehrere Informationen miteinander kombiniert werden: Name, Schule, Wohnort, TikTok- oder Instagram-Profil, Profilbild, Freundeskreis oder Sportverein.

Aus vielen vermeintlich kleinen Informationen kann plötzlich ein erstaunlich genaues Bild eines realen Kindes entstehen.

Besonders kritisch ist es deshalb, wenn Nachahmeraccounts nicht nur Namen nennen, sondern Fotos realer Kinder verwenden oder deren Profile direkt verlinken. Dadurch können auch vollkommen fremde Personen auf das Profil eines Kindes aufmerksam werden.

Für Kinder und Jugendliche sollte deshalb eine einfache Regel gelten:

Die persönlichen Daten anderer Menschen gehören nicht in einen Social-Media-Trend.

Nicht als Witz. Nicht als Mutprobe. Nicht, um jemanden zu erschrecken. Und auch nicht deshalb, weil die entsprechenden Informationen ohnehin irgendwo öffentlich zu finden sind.

Aus „Spaß“ kann eine reale Bedrohungssituation werden

Kinder und Jugendliche sollten außerdem verstehen, dass Aussagen wie „Ich komme dich holen“ oder „Du bist als Nächstes dran“ im Kontext eines anonymen Accounts anders wirken können als ein Scherz unter Freunden.

Wenn solche Aussagen mit einem realen Namen, einer Schule, einem Wohnort oder einem Foto verbunden werden, können Betroffene sie als konkrete Bedrohung empfinden.

Genau das zeigen Fälle aus den USA. Schulen haben Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, Polizeibehörden Ermittlungen aufgenommen und teilweise versucht, die Personen hinter entsprechenden Accounts zu identifizieren.

Die wichtigste Botschaft lautet deshalb:

Ein TikTok-Trend setzt die Regeln des echten Lebens nicht außer Kraft.

Was außerhalb des Internets eine massive Einschüchterung wäre, wird nicht automatisch harmlos, nur weil eine Horrorfigur, ein Meme oder ein TikTok-Sound danebensteht.

Momo lässt grüßen: Die Figur ist neu, der Mechanismus nicht

Das alles erinnert stark an ein Internetphänomen, das viele Eltern noch kennen dürften: „Momo“.

2018 und 2019 verbreitete sich über WhatsApp, YouTube und andere Plattformen das Bild einer grotesken Frauengestalt. Angeblich kontaktiere „Momo“ Kinder, bedrohe sie oder fordere sie zu gefährlichen Handlungen auf.

Das verwendete Bild zeigte ursprünglich eine japanische Skulptur. Viele der spektakulären Behauptungen rund um eine organisierte „Momo Challenge“ ließen sich später nicht belegen.

Die Angst vieler Kinder war trotzdem real.

Beim heutigen „Cat in the Hat“-Trend sehen wir einen ähnlichen Mechanismus – allerdings mit den technischen Möglichkeiten des Jahres 2026:

Horrorfigur → angebliche Sichtung → reale Stadt → reale Schule → reale Namen → Weiterverbreitung.

Hinzu kommt heute künstliche Intelligenz. Innerhalb kürzester Zeit lassen sich Bilder erzeugen, auf denen eine Figur scheinbar an nahezu jedem beliebigen Ort steht.

Heute steht sie angeblich in Oldenburg, morgen in Hamburg und übermorgen vor irgendeiner Schule.

Nicht weil sie tatsächlich dort war.

Sondern weil jemand innerhalb weniger Minuten ein entsprechendes Bild erzeugen kann.

Warum Kinder darauf hereinfallen können

Erwachsene erkennen möglicherweise sofort, dass es sich um eine erfundene Geschichte handelt. Für ein jüngeres Kind funktioniert die Situation emotional jedoch anders.

Besonders glaubwürdig kann der Inhalt wirken, wenn das Kind die eigene Stadt erkennt, Klassenkamerad*innen das Video ebenfalls teilen, darunter der Name eines Kindes aus der eigenen Schule auftaucht oder sogar ein echtes Social-Media-Profil verlinkt wird.

Dann entsteht schnell der Eindruck:

„Wenn alle darüber sprechen und sogar unsere Schule genannt wird, muss doch irgendetwas daran stimmen.“

Hinzu kommt der Algorithmus. Wer aus Angst oder Neugier mehrere Videos zu dem Thema anschaut, kann anschließend weitere ähnliche Inhalte vorgeschlagen bekommen.

Ein Video wird zu fünf. Fünf werden zu zwanzig.

Für ein Kind kann dadurch innerhalb kurzer Zeit der Eindruck entstehen, die Figur tauche tatsächlich überall auf.

Wie Eltern Kinder und Jugendliche beruhigen können

Wenn ein Kind Angst vor solchen Videos hat, hilft ein Satz wie „So ein Quatsch, glaub doch nicht alles!“ meistens wenig.

Die Geschichte mag erfunden sein. Die Angst des Kindes ist trotzdem real.

Die erste Reaktion sollte deshalb Sicherheit vermitteln:

„Ich verstehe, dass dir das Angst macht. Wir schauen uns gemeinsam an, was dahintersteckt.“

Danach kann man die Geschichte Stück für Stück entzaubern. Eltern können erklären, dass Menschen Bilder bearbeiten oder mit künstlicher Intelligenz vollkommen neue Bilder erzeugen können. Die Tatsache, dass dieselbe Figur angeblich innerhalb kürzester Zeit in unterschiedlichen Städten auftaucht, kann sogar genutzt werden, um Kindern zu zeigen, wie solche Geschichten konstruiert werden.

Besonders wichtig ist die Erklärung, dass ein Name unter einem Video keinerlei Beweis dafür ist, dass die Person hinter dem Account das Kind tatsächlich kennt.

Wenn dort der Name des eigenen Kindes steht, bedeutet das zunächst nur: Irgendjemand hat diesen Namen dort eingetragen. Wird zusätzlich ein öffentlich zugängliches Profilbild verwendet, kann das zwar besonders erschreckend wirken – macht die erfundene Geschichte aber nicht wahr.

Eltern sollten solche Videos nicht immer weiter gemeinsam anschauen, um herauszufinden, „was noch kommt“. Das kann sowohl die Angst als auch die algorithmischen Empfehlungen verstärken. Besser ist es, problematische Accounts zu blockieren und entsprechende Inhalte der Plattform zu melden.

Kennt ein jüngeres Kind den Trend überhaupt nicht, muss man es auch nicht vorsorglich darauf aufmerksam machen. Es gibt keinen Grund, Kindern neue Angstfiguren vorzustellen, vor denen sie bislang gar keine Angst hatten.

Wenn das eigene Kind tatsächlich genannt wird

Anders sieht es aus, wenn der Name, das Foto, die Schule oder das Social-Media-Profil des eigenen Kindes in einem solchen Beitrag auftaucht.

Dann sollte man die Situation ernst nehmen.

Der Beitrag sollte nicht aus Empörung in sämtliche Eltern- und Klassengruppen weitergeleitet werden. Dadurch bekommt der Account im schlimmsten Fall noch zusätzliche Aufmerksamkeit.

Stattdessen sollten Eltern die Inhalte zunächst dokumentieren und den Account beziehungsweise Beitrag auf der jeweiligen Plattform melden. Ist ein schulischer Zusammenhang erkennbar, sollte auch die Schule informiert werden. Bei konkreten Drohungen, wiederholter gezielter Einschüchterung oder einer Situation, die sich nicht sicher einschätzen lässt, kann zusätzlich die Polizei Ansprechpartner sein.

Und vor allem sollte das Kind wissen:

„Du hast nichts falsch gemacht. Wenn dir jemand im Internet Angst macht, komm immer zu mir. Wir kümmern uns gemeinsam darum.“

Früher hieß die Figur „Momo“. Heute ist es eine unheimliche Katze. Morgen wird es wieder eine andere Figur sein.

Die Mechanismen dahinter bleiben erstaunlich ähnlich.

Eine erfundene Geschichte wird geteilt. Andere Nutzer*innen greifen sie auf. Immer neue Details werden ergänzt. Lokale Orte und reale Personen machen die Geschichte glaubwürdiger. Der Algorithmus sorgt für zusätzliche Sichtbarkeit. Und irgendwann ist kaum noch nachvollziehbar, wo die ursprüngliche Geschichte überhaupt begonnen hat.


Neu sind vor allem die technischen Möglichkeiten.

Mit künstlicher Intelligenz kann heute nahezu jede Horrorfigur innerhalb weniger Minuten scheinbar vor einer Schule, einem Haus oder an einem bekannten Ort auftauchen.

Deshalb ist die wichtigste Prävention nicht, dass Eltern jede neue TikTok-Horrorfigur kennen.

Viel wichtiger ist, dass Kinder verstehen, wie solche Geschichten entstehen – und dass sie wissen, an wen sie sich wenden können, wenn aus einem Internetwitz plötzlich echte Angst wird.

Denn die Horrorkatze mag erfunden sein.

Die Angst eines Kindes ist es nicht.


Bild KI-generiert:


 
 
 

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