„TraumaTok“ – Wenn Schmerz Klicks bringt
- ThomasHillers

- vor 5 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Wenn psychisches Leid zum Content wird – und Kinder emotionale Grenzen verlieren
Auf TikTok verbreitet sich seit einiger Zeit ein besorgniserregender Trend unter dem Hashtag #TraumaTok. In tausenden Videos berichten Nutzer*innen von angeblichen psychischen Erkrankungen, traumatischen Erlebnissen, Missbrauch, Panikattacken oder Selbstdiagnosen, oft emotional aufgeladen, dramatisch inszeniert und visuell verstärkt.
Die Clips folgen häufig einem ähnlichen Muster:
traurige Musik
ästhetische Filter
Nahaufnahmen von Tränen
Texteinblendungen mit Schlagworten wie„Niemand glaubt mir“, „Das ist mein Trauma“, „So fühlt sich PTSD an“
Was wie Aufklärung oder Selbsthilfe wirkt, ist oft etwas anderes:Psychisches Leid wird zur Bühne.
Was ist #TraumaTok eigentlich?
#TraumaTok ist kein klar umrissener Aufklärungskanal, sondern ein Sammelbegriff für Inhalte, in denen:
psychische Erkrankungen dargestellt werden
traumatische Erfahrungen erzählt oder angedeutet werden
Symptome nachgespielt oder dramatisiert werden
Selbstdiagnosen öffentlich verbreitet werden
Leid als Identitätsmerkmal präsentiert wird
Ein Teil dieser Inhalte stammt von Menschen mit echten Belastungen.Doch ein wachsender Anteil ist:
überzeichnet
stark vereinfacht
bewusst inszeniert
teilweise frei erfunden
Das Problem: Auch unechte Inhalte wirken emotional echt.
Warum #TraumaTok besonders problematisch ist
1) Trigger ohne Schutzraum
Viele Videos zeigen oder beschreiben:
Panikattacken
Flashbacks
Selbstverletzung
Missbrauch
emotionale Zusammenbrüche
Ohne Vorwarnung. Ohne Einordnung.Ohne Unterstützung.
Kinder und Jugendliche werden damit allein gelassen.
2) Verharmlosung schwerer psychischer Erkrankungen
Komplexe Krankheitsbilder werden auf kurze Clips reduziert:
„Wenn du X fühlst, hast du Trauma.“
„Das ist typisch für diese Störung.“
Das vermittelt falsche Vorstellungen und kann echte Erkrankungen banalisieren.
3) Selbstdiagnosen ersetzen professionelle Hilfe
Viele Jugendliche beginnen, sich selbst zu labeln:
„Ich habe das auch.“
„Das erklärt alles.“
Ohne ärztliche oder therapeutische Abklärung.Das kann Hilfesuche verzögern oder blockieren.
4) Leid wird zur Währung
Je emotionaler ein Video, desto mehr:
Likes
Kommentare
Reichweite
Der Algorithmus belohnt Extreme und nicht Heilung, nicht Stabilisierung.
So entsteht ein gefährlicher Kreislauf:
Mehr Leid = mehr Aufmerksamkeit.
5) Emotionale Überforderung bei Zuschauer*innen
Auch Kinder ohne eigene Traumata können betroffen sein:
sie übernehmen fremde Gefühle
entwickeln diffuse Ängste
fühlen sich plötzlich „kaputt“
verlieren Vertrauen in ihre eigene Stabilität
Nicht jedes Leid ist ansteckend aber Emotionen können es sein.
Was Eltern unbedingt wissen sollten
Nicht jedes #TraumaTok-Video ist echt
Auch gestellte Inhalte können starke Gefühle auslösen
Kinder unterscheiden Inszenierung und Realität oft nicht
TikTok ist kein therapeutischer Raum
Kommentare ersetzen keine professionelle Hilfe
Plattformen filtern solche Inhalte kaum zuverlässig
Wichtig: Viele Jugendliche konsumieren diese Videos aus Mitgefühl, nicht aus Sensationslust.
Wie Eltern ihr Kind schützen und begleiten können
1) Gespräche über Authentizität führen
Hilfreiche Fragen:
„Woher weißt du, ob das echt ist?“
„Was könnte an dem Video inszeniert sein?“
„Warum glaubst du, bekommt es so viele Likes?“
2) Gefühle ernst nehmen – Inhalte hinterfragen
Nicht sagen:„Das ist doch Quatsch.“
Besser:
„Es ist okay, dass dich das berührt – aber lass uns schauen, was das mit dir macht.“
3) Grenzen für sensiblen Content setzen
Manche Themen sind zu schwer für dauerhaften Konsum besonders ohne Begleitung.
4) Unterschied zwischen Aufklärung & Show erklären
Echte Hilfe:
ist langsam
ist leise
ist individuell
findet nicht im Algorithmus statt
5) Hilfe normalisieren
Wenn dein Kind sich wiedererkennt oder belastet fühlt:
„Darüber zu sprechen ist gut – und echte Hilfe holen ist stark.“
Mini-Checkliste für Familien
über #TraumaTok sprechen
erklären, dass nicht alles authentisch ist
emotionale Reaktionen ernst nehmen
Konsum sensibler Inhalte begrenzen
professionelle Hilfe nicht durch TikTok ersetzen
Kindern zeigen: Heilung ist kein Trend
Fazit
#TraumaTok zeigt ein echtes Bedürfnis:gesehen werden, verstanden werden, nicht allein sein.
Doch Social Media ist kein geschützter Raum für seelische Wunden. Wenn Trauma zum Trend wird, verlieren Inhalte ihre Verantwortung und Kinder ihre emotionale Sicherheit.





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